An Lehrer und Erzieher
Ich halte es, auch aufgrund meiner eigenen Erfahrungen mit den Zeugen Jehovas, für außerordentlich wichtig, dass Lehrer und Erzieher, die mit Kindern von Zeugen Jehovas zu tun haben, einiges über deren Glaubensbedingungen und eventuellen Missionierungsversuche wissen.
Die Zeugen Jehovas fordern zwar nicht auf, dass Erwachsene fremden Kindern "predigen", jedoch sind die Kinder von Klein auf angehalten, ihren Altersgenossen Zeugnis über ihren Glauben zu geben. Schüler sollen die Schule als ihr "persönliches Predigtdienstgebiet" betrachten, zu dem nur sie Zugang haben. Es wird auf die Kinder in dieser Hinsicht enormer Druck ausgeübt, der sich aus den Glaubenslehren ergibt:
1. Ein Zeuge Jehovas glaubt an Gottes unmittelbar bevorstehenden Gerichtstag (Harmagedon), an dem alle Menschen, die keine Zeugen Jehovas sein möchten, mit ewiger Vernichtung bestraft werden. Niemand möchte seine Mitmenschen verlieren, von daher ist der Druck zu predigen groß. Erschwerend kommt hinzu, dass Gott den einzelnen Zeugen Jehovas nach Meinung der Wachtturm-Gesellschaft dafür zur Rechenschaft ziehen wird, ob er auch ausreichend gepredigt hat. Dabei berufen sich die führenden Köpfen auf einen Text aus dem Buch Hesekiel: "Wenn ich zu einem Bösen spreche: Du wirst ganz bestimmt sterben, und du warnst ihn tatsächlich nicht und redest nicht, um den Bösen vor seinem bösen Weg zu warnen, um ihn am Leben zu erhalten, so wird er, da er böse ist, in seiner Vergehung sterben, ABER SEIN BLUT WERDE ICH VON DEINER EIGENEN HAND ZURÜCKFORDERN." Es wird also gelehrt man lade durch unterlassenes Verkündigen Blutschuld auf sich und wird dann von Gott eventuell auch vernichtet, wenn Harmagedon kommt.
2. Kindern von Zeugen Jehovas ist es nach den Wachtturm-Lehren nicht erlaubt, Freunde außerhalb der Glaubensgemeinschaft zu haben. Am ehesten kommen für nähere Kontakte Menschen infrage, die positiv auf die Missionierungsversuche der Zeugen reagieren. Doch selbst dann ist Achtsamkeit gefordert, denn "schlechte Gesellschaft verdirbt nützliche Gewohnheiten." Jedes Kind möchte Freunde unter seinen Schulkameraden haben. Daher wird das Zeugenkind, wenn es den Glauben, den die Eltern es lehren ernst nimmt - und das wird aufgrund der großen kontinuierlichen Beeinflussung in den meisten Fällen so sein - herauszufinden versuchen, wer in seinem Umfeld auf die Botschaft reagiert. Mitschüler sind auf diese Konfrontation in der Regel nicht vorbereitet, darum halte ich fürhzeitige Sektenaufklärung an Schulen für außerordentlich wichtig!
3. Ein junger Mensch in den Reihen der Zeugen Jehovas steht von Anfang an unter dem Ansporn, die "theokratische Karriereleiter" möglichst frühzeitig zu erklimmen. Bereits schwangere Frauen sollen ihrem Ungeborenen aus der Bibel vorlesen. Von der Geburt an folgt ein regelmäßiges, möglichst tägliches Vorlesen und Belehren aus der Bibel. Die Wachtturm-Gesellschaft gibt für die Kleinen ein "Bibelbilderbuch" heraus, in dem biblische Geschichten mit Gedankengut der Wachtturm-Gesellschaft verknüpft werden. Die Kinder werden zwar nicht getauft, aber müssen von Klein auf die Zusammenkünfte im Königreichssaal besuchen und dort stillsitzen und zuhören. Falls einem Kind die Aufmerksamkeit noch schwerfällt, sind zur "Unterhaltung" nur von der Wachtturm-Gesellschaft verlegte Bilderbücher erlaubt. Kinder sollen sobald sie lesen können in die "theokratische Predigtdienstschule" eingetragen werden und anstreben ein "ungetaufter Verkündiger" zu werden. Der Erfolg der elterlichen Erziehung wird daran gemessen und ganz besonders Kinder von Ältesten stehen unter enormen Druck, da sie als gute Vorbilder vorangehen müssen. Die Taufe ist zwar freiwillig, doch gilt es als bedenklich, wenn Kinder von Zeugen Jehovas im jungen Erwachsenenalter noch immer nicht getauft sind.
Ich belege dem einzelnen Leser diese Aussagen auf Wunsch gerne anhand der Wachtturm-Literatur.
4. Kindern von Zeugen Jehovas ist es unter Androhung der ewigen Vernichtung verboten, an den allermeisten Festen und Feiertagen mitzumachen. Weihnachten, Ostern, Advent, Geburtstage, Namenstage, Fasching, Muttertag, Silvester und vieles mehr sind als "heidnische Feste" verboten. Schon Kindergartenkinder dürfen - sofern es ihnen überhaupt erlaubt wird, einen Kindergarten zu besuchen (der ja "früher als nötig mit der bösen Welt Satans konfrontiert") - keine der diesbezüglichen Basteleien mitmachen und dürfen auch nicht gratulieren oder Gratulation entgegennehmen. Schülern ist es verboten, die Nationalhymne zu singen oder - wie in vielen Ländern üblich - die Fahne zu grüßen und das selbst dann, wenn es einen Schulverweis zur Folge hat. Lange war die Teilnahme oder gar Kandidatur an Klassensprecherwahlen verboten, da dies ein "erster Schritt hin zu politischer Aktivität" sei, die einem Zeugen Jehovas verboten ist. Inzwischen ist die Lehre in dieser Hinsicht etwas toleranter geworden.
4. Nur am Rande möchte ich auch erwähnen, dass bei Zeugen Jehovas höhere Schulbildung nicht unbedingt erwünscht ist. Eltern geben sich zwar aufgeschlossen und interessiert dem Lehrer gegenüber, um ihre Erwartungen bezüglich der Sonderbehandlung was Feiertage u.a. betrifft durchzusetzen, jedoch hält die Wachtturm-Gesellschaft junge Menschen an, sich lieber nur eine handwerkliche Tätigkeit anzueignen, damit man gerade soviel Geld wie zum Leben nötig verdient und "Pionier" werden kann. (Ein Pionier predigt eine von der Wachtturm-Gesellschaft vorgegebene monatliche Stundenzahl) Von einer Hochschulbildung wird dringendst abgeraten, da man dort "die Weisheit der Welt, welche Torheit ist vor Gott" lerne, was glaubensschädigend sei.
Die Herausforderungen an den Lehrer oder Erzieher, aber auch an Eltern die Zeugen Jehovas in der Nachbarschaft haben, sind folgende:
1. Schutz der Kinder vor den Missionierungsversuchen durch die Zeugen Jehovas einerseits
2. Hilfe gegenüber den Zeugenkindern - die ja in eine Außenseiterposition gedrängt werden. Diese könnte vielleicht beinhalten, Möglichkeiten zur Integration durch "religiös neutrale" gemeinsame Aktivitäten.
3. Verständnis für den großen emotionalen Druck, dem die Zeugenkinder ausgesetzt sind und eventuell daraus resultierenden Verhaltensauffälligkeiten.
4. Motivation der Kinder, ihre Fähigkeiten was Schulbildung anbelangt, voll zu entfalten und sich nicht vom Glaubenssystem strenge Einschränkungen auferlegen zu lassen.
Abschließend noch meine eigene Erfahrung, die ich als Jugendliche mit den Zeugen Jehovas machte:
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