An Aussteiger
Sie haben die Zeugen Jehovas verlassen? Dann hat für Sie ein neues Leben begonnen.
Auch wenn der Anfang sicherlich sehr hart ist. Keiner Ihrer ehemaligen "Brüder und Schwestern" darf mehr Kontakt mit Ihnen haben, Sie nicht einmal grüßen! Überlegen Sie selbst: Ist das christliche Nächstenliebe? In meinem Kapitel "Der Gemeinschaftsentzug - gerechtfertigt?" gehe ich auf biblische Argumente ein, warum diese Maßnahme der völligen Boykottierung des Ausgestiegenen/Ausgeschlossenen nicht angebracht, ja kalt und herzlos ist.
"Wer von euch ohne Sünde ist werfe den ersten Stein.....!" Das sagte Jesus Christus zu denen, die eine Sünderin verurteilen wollten.
Nach meinem Ausstieg plagten mich die erste Zeit immer wieder Ängste. Wenn irgendwo eine Katastrophe passierte dachte ich sofort "Endzeit! - Haben die Zeugen doch recht?" Ich konnte meine gewonnene Freiheit erst sehr langsam auskosten. Momentan litt ich unter dem Verlust von Freunden (die sich im Nachhinein betrachtet als falsche Freunde erwiesen hatten - denn der Wachtturm-Glaube war Ihnen wichtiger als die Freundschaft, oder zumindest das gute Auskommen mit einem ihrer früheren "Freunde").
Klar, Gott steht über dem Menschen, doch gibt er uns eine Anweisung, wie wir in Seinem Sinne handeln sollten: "Alles was ihr wollt, dass euch die Menschen tun das tut auch ihnen....." Jeder will mit Freundlichkeit behandelt werden, auch die Zeugen Jehovas. Es gibt also keinen Grund warum sie andere Menschen (auch ehemalige Zeugen) UNFREUNDLICH behandeln dürfen. (Es ist übrigens auch Unfreundlichkeit, Andersgläubige als "Ungläubige" zu bezeichnen, doch das nur am Rande.)
Viele ehemalige Zeugen Jehovas wollen von Glauben nichts mehr wissen, weil sie enttäuscht worden sind. Das ist nur zu verständlich, vielen meiner Bekannten unter Ehemaligen ergeht es so. Ich finde das aber auch schade. Sie sind von der Wachtturm-Gesellschaft enttäuscht worden, das stimmt. Aber Gott existiert trotzdem und er hat Sie nicht enttäuscht, das würde er niemals tun! Vielleicht hat er Ihnen sogar dabei geholfen, aus den Fängen der Zeugen Jehovas herauszukommen und ein neues Leben als freier Christ führen zu können. (Wenn Sie es wollen.....)
Mir war es nach meinem Ausstieg eine unglaubliche Erleichterung, dass die Menschen um mich herum wieder Menschen waren, und keine "bösen Weltmenschen". Langsam, nach und nach konnte ich Bekanntschaften aufbauen aus denen sich auch Freundschaften entwickelten. Ich durfte sogar eine alte Freundin von früher zurückgewinnen, nach all den Jahren!
Ich will Ihnen dringend ans Herz legen: gehen Sie auf die Menschen zu, die Ihnen sympathisch erscheinen, schließen Sie neue Bekanntschaften. Sie werden oftmals feststellen, dass es in der "Welt" viel nettere Leute gibt als in der Versammlung der Zeugen Jehovas. Menschen die sich engagieren und ihren Mitmenschen somit Gutes tun.... oder einfach Menschen, die ein anständiges Leben führen und ihre Kinder ohne Zwänge und Drill erziehen.
Das Verlassen der Zeugen Jehovas hinterlässt erst einmal eine gewisse Leere im Leben. Man war ja von Früh bis Spät eingespannt in ein Dienst- und Studienprogramm das nur dazu diente, dem Kopf keinen Raum für eigene Gedanken und Ziele zu lassen. Mein Rat: Füllen Sie diese Leere mit etwas Sinnvollem. Warum sich nicht in einem Verein engagieren? Ich bin dem Hospizverein beigetreten und mache derzeit die Ausbildung zur Hospizhelferin, das schenkt mir sehr viel Freude und Kraft und außerdem bin ich regelmäßig mit richtig netten Menschen zusammen.
Vielleicht brauchen Sie aber erst einmal Zeit für sich selber. Die hatten Sie als Zeuge Jehovas selten. Eigene Wünsche wurden meist ins "Neue System" verschoben. Es ist völlig in Ordnung, einfach die Seele baumeln zu lassen und erst mal zu sich selbst zu finden. ".....du sollst deinen Nächsten lieben wie DICH SELBST" heißt es in der Bibel. Nur wer auf sich selber achtet, kann auch für andere da sein.
Ich konnte im Laufe der Zeit meine Ängste, die durch die Gehirnwäsche der Zeugen in mir verwurzelt waren, größtenteils überwinden. Dazu habe ich auch psychologische Hilfe in Anspruch genommen. Das hat sich für mich als sehr hilfreich erwiesen.
Was ich aber immer noch oft habe, sind Träume rund um das Thema "Zeugen Jehovas". Ich hoffe, dass auch diese Träume (es sind nicht immer nur Albträume sondern manchmal "predige" ich auch den Zeugen.....) irgendwann verblassen werden. Sie zeigen mir, dass mich dieses Thema schon immer noch sehr beschäftigt. Durch meine Mithilfe in der Sektenberatung ist das ja auch logisch. Aber ich möchte diese Tätigkeit auf keinen Fall missen, denn es ist schön immer wieder Menschen helfen zu können, es sich noch einmal zu überlegen, bevor sie den Zeugen beitreten.
Ich wünsche Ihnen, dass Ihr "Neues Leben" immer besser wird. Dass Sie Freunde und Freude finden. Dass Sie Träume, die Sie immer ins "Neue System" verschieben mussten nun verwirklichen können und außerhalb der Zeugen ein sinnvolles Leben führen können. Wenn Sie dabei Hilfe und Beistand brauchen, stehen die örtlichen Sektenberatungen zur Verfügung. Auch ich bin immer gerne bereit - soweit es meine Zeit zulässt - Hilfe zu leisten. Wenn Sie mir eine Mail schicken, ich werde sie garantiert beantworten.
Alles Gute und liebe Grüße
Rita Neudeck-Straßer